Somatisches Lernen


Somatisches Lernen (Somatic Education) ist ein ganzheitlicher Weg, über positive Körpererfahrungen zu lernen und Körper und Geist in Einklang zu bringen. Das Lern-Setting somatischer Methoden im Tanz lenkt die Aufmerksamkeit gezielt auf bestimmte Aspekte von Bewegung und Körperaufrichtung um das Körperbewusstsein und Bewegungsverhalten auszuweiten und zu verfeinern.

Rollingpoint versteht Contact Improvisation und zeitgenössischen Tanz als Form somatischen Lernens.
Somatisches Lernen beruht auf dem engen Bezug des Lernens zum Körper. Während kognitives Lernen vorwiegend auf gedanklicher Ebene erfolgt, ist somatisches Lernen unmittelbar leiblich erfahrbar.

Bewegung und Berührung sind die Grundlage aller menschlichen Entwicklungsprozesse.
Das Körpergedächtnis (Leibgedächtnis) ist der Schlüssel somatischen Lernens. Alle Sinneseindrücke hinterlassen Abdrücke im Körpergedächtnis. Während sich negative Erfahrungen wie Angst meist unbewusst als blockierende Anspannung im Körpergedächtnis manifestieren, sucht somatische Körperarbeit durch Achtsamkeit ganz gezielt nach neuen positiven Körpererfahrungen, Bewegungsfreiheit und einem ausgeglichenen Körpertonus.

Somatisches Lernen ist die ureigenste Form des Lernens an sich. Die Geschichte somatischen Lernens  ist daher so alt wie die Geschichte der Menschheit selbst. Yoga, Tai Chi, Chi Gong, Aikido u.a. östliche Körperpraktiken haben einen wesentlichen Einfluss auf die Entstehung der neueren Methoden der westlichen Hemisphäre.

Im deutschsprachigen Raum ist die Pionierarbeit von Elsa Gindler und Heinrich Jacoby während der Entstehung der Reformpädagogik in den 1920er Jahren hervorzuheben. Elsa Gindler bezeichnete ihre Arbeit schlicht  als „Arbeit mit dem Körper“. Ein Textausschnitt aus einem ihrer Vorträge aus dem Jahr 1926 beschreibt auch aus heutiger Sicht immer noch sehr gut die Randbedingungen für somatisches Lernen. 1)

Mabel Todd war in den USA Vorreiterin der Erforschung somatischer Lernprozesse. Das 1937 erschienene Buch „The Thinking Body“ ist die Grundlage der später unter dem Begriff „Ideokinese“ vor allem in der Tanzwelt weiter entwickelten Methode, durch bewusstes Wahrnehmen anatomischer Gegebenheiten, die Körperhaltung und das Bewegungsverhalten zu verbessern.

Von eindrücklichen Persönlichkeiten wie F.M. Alexander, Moshe Feldenkrais, Gerda Alexander ("Eutonie"), Milton Trager, oder Bonnie Bainbridge Cohen ("Body Mind Centering") wurden verschiedenste Methoden somatischen Lernens entwickelt und verbreitet.

Somatische Lernmethoden lenken in ihrem Lern-Setting die Aufmerksamkeit ganz gezielt auf bestimmte Aspekte von Bewegung und Körperhaltung um sie bewusst zu machen. Durch verbale Anleitungen, oft durch anatomische oder imaginative Vorstellungsbilder unterstützt und Berührung, können kleinste Veränderungen von Muskelanspannungen und andere kinästhetische Empfindungen wahrgenommen werden.

Contact Improvisation ist eine besondere Form des somatischen Lernens, indem über körperliche Kommunikation im Hier und Jetzt kontinuierlich neue Handlungsoptionen eröffnet werden. Die TänzerInnen lernen, die Bewegung körpergerecht und im Zusammenspiel mit den physikalischen Gesetzmäßigkeiten zu gestalten. Die positiven Wirkungen von Kooperation werden am eigenen Körper erfahrbar und das Gelingen von Gemeinschaft  wird auf vielfältige Art gefördert.

Im zeitgenössischen Tanz öffnen wir uns der Bewegungsvielfalt um unser Körperwissen zu wecken und zu schulen. Wir fordern unsere gewohnten geistigen und körperlichen Bewegungsmuster durch verschiedenste Vorgaben, Spielregeln, Aufgaben und Aufmerksamkeiten heraus. Durch diese Art der Bewegungsschulung findet somatisches Lernen statt.
 
Die wissenschaftlichen Erkenntnisse aus der Neurobiologie und Neurophysiologie bestätigen, dass ein gutes Zusammenspiel von bewusstem Bewegen, Empfinden, Fühlen, Denken und Handeln eine wesentliche Voraussetzung für Gesundheit und Heilung ist. Somatisches Lernen ermöglicht den eigenen Körper besser zu verstehen und seine Signale hören zu lernen und somit mehr Verantwortung für sich selbst und seine eigene körperliche und geistige Gesundheit zu übernehmen (vgl. auch Begriff der „psychosomatischen Kompetenz“ nach Christian Fazekas von der Med.Univ. Graz).

1)Gekürzter Textausschnitt aus einem Vortag von Elsa Gindler aus dem Jahr 1926:

 „Entspannung ist für uns ein Zustand der höchsten Reagierfähigkeit, eine Stllle in uns, eine Bereitwilligkeit auf jeden Reiz richtig zu antworten. Die Entspannung, die wir suchen, lässt sich leichtesten erreichen durch Empfindung der Schwerkraft. Die Schwerkraft müssen unsere Glieder begreifen und fühlen lernen, ja jede Zelle in uns muss wieder die Fähigkeit erwerben, ihr folgen zu können.

Beim Stehen müssen wir fühlen wie wir unser Gewicht an die Erde abgeben und wie die Füße immer leichter werden. Es tritt das Paradoxon ein: Je schwerer wir werden, desto leichter, ruhiger werden wir.

Als wesentlichstes muss man festhalten: Alles Korrigieren von außen hat wenig Wert. Es muss eines mit dem anderen so durchdacht, durchfühlt, mit den tausendfachen Vorkommnissen im Leben untrennbar verbunden werden, dass es zum Wesen des Menschen wird. Wie überhaupt auch jeder versuchen muss, das Verständnis für die besondere Art seiner Konstitution zu gewinnen, so dass er sich im weiten Maße selbst behandeln kann.

Nun noch einige Worte über Spannung: Sie kommt scheinbar schlecht weg in unserer Arbeit, aber ich muss sagen nur scheinbar! In Wahrheit ist es so, dass nur, wer wirklich entspannen kann, auch Spannung haben kann. Darunter verstehen wir den schönen Wechsel der Energien, der auf jeden Reiz reagiert, der zunehmen, abnehmen kann nach der Beanspruchung. Wir verstehen darunter vor allem, jenes starke Gefühl der Kraft, der Mühelosigkeit einer Leistung, kurz ein gesteigertes Lustgefühl. Spannung wie wir sie verstehen, ist die Möglichkeit, die größten Widerstände mit einer gesteigerten Atmung zu überwinden. Spannung ist für uns der Gegensatz zu Krampf. Ausarbeiten wollen wir uns gern, aber nicht verarbeiten.

(Textquelle: Die Gymnastik der Berufsmenschen, Elsa Gindler 1926)